Anlässlich des diesjährigen OECD-Bildungsberichts lohnt sich ein Blick auf eine Gruppe, die in der Bildungsdebatte häufig weniger Aufmerksamkeit erhält: Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Aktuelle Auswertungen des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) auf Basis des Deutschen Alterssurveys (DEAS) zeigen, dass Bildung auch jenseits des klassischen Ausbildungs- und Erwerbsalters eine wichtige Rolle spielt.
Denn Lernen endet nicht mit dem Eintritt in die zweite Lebenshälfte. Menschen ab Mitte 40 nehmen weiterhin an beruflicher Weiterbildung teil und besuchen auch in ihrer Freizeit Kurse oder Vorträge. Wie verbreitet diese Formen der Weiterbildung sind, unterscheidet sich allerdings deutlich nach Alter und Bildungsstand.
So nahmen 71,9 Prozent der 43- bis 55-jährigen Erwerbstätigen in den vorangegangenen drei Jahren an einer beruflichen Weiterbildung teil. Bei den 56- bis 65-Jährigen waren es mit 48,5 Prozent zwar deutlich weniger, aber immerhin noch fast jede zweite Person.
Auch in der Freizeit bleibt Bildung für viele Menschen in der zweiten Lebenshälfte relevant. Bei den 43- bis 65-Jährigen besuchten 70,5 Prozent Kurse oder Vorträge. Zwar nahm der Anteil mit dem Alter ab, doch auch bei den 76-Jährigen und Älteren bildete sich mit 18,7 Prozent noch fast jede fünfte Person in der Freizeit weiter.
In beiden Fällen gab es deutliche Unterschiede zwischen Menschen mit hohem Bildungsstand im Vergleich zu Menschen mit mittlerem oder niedrigem Bildungsstand: Personen mit hohem Bildungsstand nahmen häufiger an Fort- oder Weiterbildungen teil. Das zeigt, dass Bildungsverläufe bereits früh im Leben geprägt werden.
Eine weitere Studie konnte mit DEAS-Längsschnittanalysen zeigen, dass es bei den 55- bis 59-Jährigen einen positiven Zusammenhang zwischen der Teilnahme an beruflicher Weiterbildung und einer Erhöhung des geplanten Renteneintrittsalters gab. Bei ihnen war Weiterbildung mit einer Erhöhung des geplanten Renteneintrittsalters um ungefähr 5 Monate verbunden. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass Beschäftigte in diesem Alter stärker darüber nachdenken, wie lange sie noch arbeiten können und möchten. Weiterbildung kann nicht nur dabei helfen, die eigenen Fähigkeiten für das weitere Berufsleben zu erhalten oder auszubauen, sie könnte auch als Zeichen wahrgenommen werden, dass der Arbeitgeber weiterhin auf ältere Beschäftigte setzt und in sie investiert – und so die Bereitschaft erhöhen, länger im Unternehmen und erwerbstätig zu bleiben.
Doch Weiterbildung spielt auch über die Erwerbstätigkeit hinaus eine gesellschaftlich wichtige Rolle. Eine andere Untersuchung des DZA zur Nacherwerbsphase zeigt die Bedeutung der non-formalen Bildung für das ehrenamtliche Engagement. Mit non-formaler Bildung sind beispielsweise die Teilnahme an Kursen an Volkshochschulen, Workshops und Vorträgen gemeint. Die Teilnahme an solchen Formaten ging zumindest bei Personen mit Ausbildungsabschluss mit einer höheren Wahrscheinlichkeit der Neuaufnahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit einher.
Die Ergebnisse machen damit deutlich: Bildung im Alter hat viele Facetten. Sie dient der Auffrischung oder Erweiterung von Wissen für den Beruf, eröffnet Möglichkeiten persönlicher Weiterentwicklung und kann Räume für soziale Kontakte und gesellschaftliches Engagement schaffen. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass der Zugang zu Weiterbildung stark von Alter und Bildungsstand geprägt sind. Bildungsangebote sollten daher so gestaltet werden, dass Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Bildungsbiografie angesprochen werden. Dies könnte einen längeren Verbleib im Erwerbsleben fördern und außerdem – über eine ehrenamtliche Einbindung – auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zur gesellschaftlichen Teilhabe beitragen.
Eine Pressegrafik steht hier zum Download bereit.
Die detaillierten Ergebnisse sind nachzulesen in:
Drewitz, M., Kelle, N., Bünning, M. (2026). Non-formale Bildungsaktivitäten und ehrenamtliches Engagement in der Nacherwerbsphase [DZA-Fact Sheet] Berlin: Deutsches Zentrum für Altersfragen. https://doi.org/10.60922/0g6m-yr53
Henning, G., Spuling, S. M. & Wünsche, J. (2025). Bildungsbeteiligung und Altersbilder von Menschen in der zweiten Lebenshälfte: Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS) 2023 [DZA-Fact Sheet]. Berlin: Deutsches Zentrum für Altersfragen. https://doi.org/10.60922/1qbs-hd92
Schmelzle, R., & Henning, G. (2026). Job-Related Training and Planned Retirement Age in Germany: Evidence from the German Ageing Survey (DEAS). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20936798
Der Deutsche Alterssurvey (DEAS) ist eine repräsentative Quer- und Längsschnittbefragung von Personen in der zweiten Lebenshälfte. Im Rahmen der Studie werden seit drei Jahrzehnten Menschen auf ihrem Weg ins höhere und hohe Alter regelmäßig befragt, die letzte Befragung fand 2023 statt. Der Deutsche Alterssurvey wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ).
Text: DZA – Newsletter September 2026